2020-05-27 12:40:20 Konstantin

In den achtziger und neunziger Jahren wurde bei uns an manchem Abend ein einfaches Kartenspiel gespielt, das vor allem bei den Älteren zunehmend für viel Begeisterung sorgte (die es auch gern allein spielten). Kuhhandel! Es ging darum, am Ende möglichst viele und möglichst wertvolle Tierquartette zu besitzen. Falls ein anderer Spieler ein oder mehrere Tiere desselben Quartetts besitzt, konnte er einem Mitspieler einen Kuhhandel um Tiere dieses Quartetts anbieten. Nachdem der Herausforderer einen verdeckten Betrag ausgewählt hatte und für die Tiere anbot, konnte der herausgeforderte Spieler entweder den angebotenen Betrag annehmen und dem Herausforderer die Tiere überlassen oder er bot selber einen verdeckten Betrag für die Tiere an. Die Tiere gingen dann an den Spieler, der mehr geboten hatte. Gerade beim Bieten kam es zu oft tumultartigen Szenen, wenn Schweine, Esel, Hühner und der dergleichen im Minutentakt über den Tisch gingen. Die Spieler zeigten Facetten ihrer Persönlichkeit, von denen man gar nicht oder wenig wusste. Ein guter Wein machten die Spiele zu Klassikern der Abendunterhaltung.
Kurt war ein begnadeter Kuhhandelspieler! Es war ein Vergnügen, mit ihm zu spielen, wenn er mit seiner Frau Christel bei uns in Bonn wohnte oder später oft zu Gast war. An guten Tagen konvertierte er zu einem auf Großtierhaltung spezialisierten vermögenden agrarischen Großunternehmer. Das Kleintier interessierte ihn nicht wirklich. An einem Abend gingen den Damen und Herren beim Versteigern so das Temperament durch, dass die Stimmung kurz kippte und Vorwürfe wie „dunkelste kapitalistische Machenschaften“ (oder so ähnlich) hin-und herwechselten. Dies gipfelte dann in der Verabredung mit meinen Eltern, dieses Spiel der teuren Freundschaft wegen vielleicht besser nicht mehr zu spielen! Eigentlich schade, weil ich mir Kurt nie wirklich bei dem Legen einer Patience vorstellen konnte..
Die wunderbare Freundschaft zwischen meinen Eltern und den Rudolphs hat uns in den siebziger und achtziger Jahren ermöglicht, die sehr grau daherkommende DDR zu bereisen und kennenzulernen. Ich bin der jüngste von fünf Söhnen und altersbedingt hatten diese Reisen noch nicht die lebendigen Eindrücke hinterlassen, die sie bei meinen Eltern und Brüdern hinterlassen haben. Aber dieser freundschaftliche Kontakt hat unsere Biographien um einen wichtigen deutsch-deutschen Aspekt bereichert. Dies hatte auch seinen Preis; bei der Einreise in die DDR musste ich das „Fußball Magazin“ hergeben. Teil dieser Biographien ist auch die über viele Jahre gewachsene tiefe Verbundenheit zwischen den Familien. In Bonn erlebten wir Kurt als einen die gute Gesellschaft liebenden Familienmenschen. Wenn man sich mit ihm unterhielt, merkte man nicht, wie die Zeit verging (welch schöneres Kompliment kann man einem Menschen machen? …). Manchmal brauste er auf, wenn unser Hund sich nach dem Durchwaten des Kottenforstbaches in sein Gästebett legte („Christel, wir reisen ab!“), um dann im nächsten Moment wieder so herzlich, ungeheuer witzig und geistreich zu sein. Als Mensch ein wirkliches Ereignis mit vielen schönen Erinnerungen! Mein tief empfundenes Beileid an Christel, Ulrike, Ekki, Anne, Carolin, Nicolas und die Familien!