2020-06-04 08:00:07 Prof. Marcell Saß, Marburg

Nachruf Prof. Dr. theol. Dr. phil. habil. Dr. h. c. mult. Kurt Rudolph
(*3. April 1929 †13. Mai 2020)

Am 13. Mail 2020 verstarb in Düsseldorf der Universitätsprofessor i.R. Dr. Dr. Kurt Rudolph im Alter von 91 Jahren. Der Fachbereich Evangelische Theologie der Philipps Universität Marburg verliert einen renommierten und international anerkannten Vertreter der Religionswissenschaft und ausgewiesenen Kenner der Religionsgeschichte der Gnosis, von Mandäern und Manichäismus. Kurt Rudolph war acht Jahre lang, von 1986 bis zu seiner Emeritierung 1994, Professor für Religionsgeschichte an unserem Fachbereich.
Er wurde am 3. April 1929 in Dresden geboren. Durch den Zweiten Weltkrieg wurde seine Schullaufbahn unterbrochen, nach Kriegsende begann er zunächst eine Lehre als Zimmermann und machte 1948 an der städtischen Oberschule Dresden das Abitur. Im gleichen Jahr nahm er sein Studium der Evangelischen Theologie, Religionsgeschichte, und Semitistik an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald auf und setzte es 1950 an der Universität Leipzig fort. Nach seinem Ersten Theologischen Examen 1953 wurde er wissenschaftlicher Assistent des Religionsgeschichtlichen Instituts der Philosophischen Fakultät, damals der Karl-Marx-Universität Leipzig. Für die nächsten Jahre beschäftigte er sich dort mit der Religion der Mandäer. Er wurde 1956/7 mit zwei Arbeiten Die Mandäer I –
Das Mandäerproblem und Die Manäder II – Der Kult zunächst in der Theologie und darauf in der Religionsgeschichte doppelt promoviert. 1960 wurde er Oberassistent am Institut für Religionsgeschichte und habilitierte dort 1961 im Fach Religionsgeschichte und Vergleichende Religionswissenschaft mit der Schrift Theogonie, Kosmogonie und Anthropogonie in den mandäischen Schriften. Eine literarkritische und traditionsgeschichtliche Untersuchung.
Er setzte seine wissenschaftliche Karriere in Leipzig fort, 1961 zunächst als Dozent für Religionsgeschichte und Vergleichende Religionswissenschaft. 1963-1969 wurde er zum Professor mit Lehrauftrag für Religionsgeschichte an die KMU berufen, 1969-1984 war er ebendort ordentlicher Professur und weitete seinen Wirkungskreis stetig aus. 1974 wurde er Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften und seit 1977 korrespondierendes Mitglied der Dänischen Akademie der Wissenschaften. 1977 erschien in Leipzig und parallel in Göttingen bei Vandenhoeck sein vielfach neu aufgelegtes Werk Die Gnosis. Wesen und Geschichte einer spätantiken Religion. In den frühen 1980er Jahren hatte er Gastprofessuren an den Universitäten Toronto und Chicago inne, und 1983 wurde ihm eine erste theologische Ehrendoktorwürde durch die University of St Andrews, Schottland, verliehen. 1984 kündigte er seine Stellung an der Universität Leipzig. In den USA erhielt er in der Folgezeit Gastprofessuren an der University of California, Santa Barbara, sowie der Harvard Divinity School.
Schließlich führte ihn 1986 eine C4-Vertretungsprofessur für Religionsgeschichte an die Philipps-Universität Marburg, wo er 1987 bis zu seiner Emeritierung 1994 Professor für Religionsgeschichte wurde. Damit setzte er die mit Friedrich Heiler begründete Reihe von Fachvertretern am Fachbereich Evangelische Theologie fort und profilierte sie mit seinem historisch-philologischen Schwerpunkt. Bei seinem Weggang 1984 aus der Sächsischen Akademie der Wissenschaften ausgeschlossen erhielt er 1991 erneut den Status eines korrespondierenden Mitglieds. Mit seiner Emeritierung 1994 wurden ihm weitere Ehrendoktorwürden verliehen, in Aarhus erneut im Fach Theologie sowie in Leipzig der Dr. hc. phil. Er war Vorstand der Deutschen Vereinigung für Religionsgeschichte, Schriftleiter der Zeitschrift für Religionswissenschaft und Präsident der International Association of Manichaean Studies. Sein akademischer Werdegang war von großen Wechseln politischer Systeme, von politischen sowie institutionellen Grenzen geprägt, die es ihm durch seine Kennerschaft wiederholt zu überbrücken gelang. So verband er historische Disziplinen innerhalb der Theologie mit der Religionsgeschichte bzw. Religionswissenschaft. In beeindruckender Konsequenz und Ausdauer arbeitete er, ausgehend vom ersten großen Arbeitsschwerpunkt auf den Mandäern, im Themenfeld spätantiker Religionen im Umfeld des Christentums und erlangte den Ruf eines der großen Kenner der Gnosis und des Manichäismus. Seine
international rezipierten Publikationen reichen bis in Felder der Koptologie und Islamwissenschaft. Als Religionswissenschaftler wandte er sich kritisch gegen die Religionsphänomenologie und forderte dezidiert eine der säkularen Wissenschaft verpflichtete Perspektive auf Religionen. Damit war er für die Marburger Theologie ein erwünschter Austauschpartner.
Der Fachbereich Evangelische Theologie und die Philipps-Universität Marburg werden sein Andenken in Ehren halten.

Marburg im Mai 2020
Prof. Dr. Marcell Saß (Dekan)