2020-06-05 18:39:38 Ulla Spuler-Stegemann

Das erste Mal, als Kurt Rudolph Hartmut und mir über seine wissenschaftlichen Leistungen hinaus als Mensch begegnete und doch auch wieder nicht begegnete, war während der Apokalypse-Tagung 1979 in Uppsala. Man hatte so sehr auf ihn gehofft, aber er durfte nicht aus der DDR ausreisen: immer wieder fanden sich Grüppchen, die berieten, ob und wenn ja wie man ihm doch noch das Kommen ermöglichen könne, und waren gleichzeitig besorgt, ihm mit einer solchen Aktion zu schaden; irgendwie war er immer dabei. Anekdoten machten die Runde, und vermittelten das sehr lebendige Bild eines gradlinigen, mutigen, großen Gelehrten, der vorbehaltlos auch die Leistungen anderer anerkannte und würdigte.
1986 wurde Kurt nach Marburg berufen, ein Segen für die Religionsgeschichte. Die heftigen, anregenden Diskussionen an den Freitagvormittagen mit den meisten Fachvertretern, aber auch die Geburtstags- und sonstigen Feiern gehören der Vergangenheit an. Die gemeinsamen Seminare in größerer Runde oder zu zweit waren eine nachhaltige Erfahrung; wir haben uns wunderbar ergänzt und manchmal auch freundschaftlich „gestritten“. Für das Referat in einer Seminar-Sitzung konnte ich Ekkehard gewinnen; es war eine sehr gute Dreier-Veranstaltung geworden, und das stille Schmunzeln in Kurts Gesicht werde ich auch nicht vergessen. Ich habe ihm sehr, sehr viel zu verdanken.
Als Kurt Rudolph 1996 auch von der Universität Leipzig den Ehrendoktortitel verliehen bekam, durfte ich an diesem Ereignis teilnehmen. Am Folgetag führten mich Rudolphs einige Stunden durch Leipzig, erzählten von den Geschicken der Stadt und den Erfahrungen innerhalb der Universität. Es waren Sternstunden, die sich in mein Herz und Gedächtnis eingebrannt haben.
Die Gastlichkeit im Hause Rudolph war beeindruckend. Die Liebe, Warmherzigkeit und Klugheit von Christel bildeten die Grundlage auch für seine wissenschaftliche Kraft. Auch ihr gilt mein Dank – für alles!
Der Abschied schmerzt; denn es geht ein Großer, ein Original im allerbesten Sinne wie sie kaum noch auf dieser Erde zu finden sind: requiescat in pace.